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Gewalt - was ist das?

Alle sprechen von Gewalt. Doch was ist Gewalt? Wie kann Gewalt definiert werden?
Es gibt eine unübersichtliche Zahl von Definitionen und Bedeutungserklärungen zu dem Begriff "Gewalt". Wir möchten hier einige vorstellen und untersuchen, ob sie für unser Projekt hilfreich sind oder nicht.
Eine sinnvolle Gewaltdefinition muss den Anspruch erfüllen, im Alltag von FriedensstifterInnen als Entscheidungskriterium für die Bewertung von Situationen zu dienen. (vgl. Korn, Mücke 2000, S. 15) Wir benötigen daher eine pragmatische Definition, die die Handlungskompetenz der Jugendlichen verbessert. Je klarer ich erkennen kann, ob Gewalt vorliegt, desto eher werde ich handeln können (eingreifen oder Hilfe holen).

Die erste zu untersuchende Gewaltdefinition stammt von dem berühmten Konfliktforscher Johan Galtung: "Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung."(Gewalt Akademie Villigst 2007, S. 32). Auch wenn dem Inhalt zuzustimmen ist, ist sie zur Bewertung von konkreten Situationen zu komplex.
Auch die nächste Definition, bei der richtigerweise zwischen Aggressivität und Gewalt unterschieden wird, ist in diesem Zusammenhang nicht hilfreich: "Unter Aggression wird eine zielgerichtete und beabsichtigte körperliche oder verbale Tätigkeit verstanden, die zu einer psychischen oder physischen Verletzung führt" und "der Begriff der Gewalt wird i.d.R. für massive Formen aggressiven Verhaltens benutzt."( Fröhlich-Gildhoff 2006, S. 15) Sie wirft die Frage auf, ab welcher Massivität von Gewalt zu sprechen ist? In Alltagssituationen verschafft sie somit keine Klarheit.

Die folgende Begriffsbestimmung der AG SOS Rassismus-NRW ist für ein FriedensstifterInnentraining ideal:

"Gewalt tut weh. Gewalt verletzt und zerstört. Gewalt liegt immer dann vor, wenn Menschen gezielt oder fahrlässig physisch (körperlich) oder psychisch (seelisch) geschädigt werden. Gewalt ist immer an Macht geknüpft. Dazu gehört auch der Bereich der strukturellen Gewalt, also Ordnungssysteme und ökonomische Prinzipien (z.B. Arbeitslosigkeit, ungerechte Gesetze, Obdachlosigkeit, Armut usw.), die materielle, soziale und ideelle menschliche Entwicklungen beeinträchtigen oder verhindern." ( AG SOS-Rassismus 2000, S. 40)

Diese Definition enthält Kriterien zur Bewertung von Handlungen und Situation (jemand wird verletzt, geschädigt, usw.) In Definitionen, die die Jugendlichen in unseren Friedensstiftertrainings erarbeiten, ähneln dieser Definition oftmals sehr.

Zum Schluss möchten wir noch auf den Unterschied zwischen Gewalt und Aggressionen hinweisen und schließen uns hierzu der Definition von Korn, Mücke an. Diese verstehen unter Aggressionen ein "Gefühl, eine Energie oder einen Impuls". Der Mensch hat dann unterschiedliche Möglichkeiten, diesem Gefühl Ausdruck zu verleihen. "Gewalt ist eine dieser Möglichkeiten und stellt die destruktivste Form dar, mit Aggressionen umzugehen." (Korn, Mücke 2000, S. 17)

Literaturangabe:

  • AG SOS Rassismus: Gewalt löst keine Probleme. Villigster Trainingshandbuch zur Deeskalation von Gewalt und Rassismus. Villigst 2000.
  • Fröhlich-Gildhoff, Klaus: Gewalt begegnen. Konzepte und Projekte zur Prävention und Intervention. Stuttgart 2006.
  • Gewalt Akademie Villigst (Hrsg.): Theorien zur Gewalt: "Homo homini lupus". Was jeder über die Theorien, Ursachen, Bedingungen, Erklärungs- und Lösungsansätze von Gewalt wissen sollte Villigst 2007
  • Korn, Judy; Mücke, Thomas: Gewalt im Griff Band 2: Deeskalations- und Mediationstraining Weinheim und Basel 2000.